Pressemitteilung

The China Moment. Contextualizing Individualism in Chinese Contemporary Art.

Mit The China Moment präsentiert das documenta Institut seine erste Forschungsausstellung. Die Ausstellung im Kasseler Kunstverein widmet sich einer zentralen Phase der zeitgenössischen chinesischen Kunst, in der sich das Verhältnis zwischen Individuum, Staat und Gesellschaft grundlegend veränderte. Ausgangspunkt ist die Reform- und Öffnungspolitik ab den späten 1970er-Jahren, die tiefgreifende politische, wirtschaftliche und kulturelle Transformationen auslöste. In diesem Umfeld entwickelte sich eine neue künstlerische Sprache, in der persönliche Erfahrung, gesellschaftliche Teilhabe und Formen individueller Selbstpositionierung in den Mittelpunkt rückten.

Von frühen Performance-Praktiken über experimentelle Videoarbeiten bis hin zu Malerei, Fotografie und Installation zeigt die Ausstellung, wie Künstler*innen auf gesellschaftliche Brüche reagierten und diese reflektierten. Zugleich geht The China Moment über einzelne Werke hinaus und vermittelt einen Eindruck der Strukturen, die diese neue Kunst ermöglichten: improvisierte Räume, unabhängige Film- und Theatergruppen, selbstorganisierte Ausstellungen und kollektive Experimente bildeten die Grundlage einer vielstimmigen Szene, die Öffentlichkeit und Individualität neu verhandelte. Kunst und gesellschaftliche Transformation erscheinen hier als eng miteinander verflochtene Prozesse.

Entsprechend verbindet der Ausstellungsraum Kunstwerke mit Archivmaterialien, Dokumenten und Filmmaterial und macht die sozialen Kontexte ihrer Entstehung nachvollziehbar. Neben international bekannten künstlerischen Positionen wie Cao Fei & Ou Ning, Han Lei, Lin Yilin, Ma Liuming, Wang Guangyi und Xiao Lu werden auch kollektive Praktiken wie die New Measurement Group oder das Living Dance Studio vorgestellt, deren Arbeiten Fragen nach Körper, Gemeinschaft und künstlerischer Autonomie neu formulierten.

Viele der gezeigten Arbeiten funktionieren zugleich als Kunstwerk und als archivarisches Objekt. Dazu zählen Zhuang Hui’s dokumentarisches Langzeitprojekt zum Yangtze-Fluss und dem Drei-Schluchten-Staudamm, das direkt beim Betreten der Ausstellung zu sehen ist, ebenso wie Wang Guangyi’s Studien für spätere Skulpturenensembles. Auch die Mail-Art-Hefte von Datong Dazhang sind zugleich Werk und Instruktion für eine spätere Realisation – vergleichbar mit den Publikationen der New Measurement Group, die nach ihrer Auflösung alle originalen Kunstwerke zerstörte und nur dokumentarische Spuren hinterließ.

In seiner Filmarbeit begleitet Wu Wenguang die Zuschauer*innen auf einer Autofahrt zur Eröffnung der Pekinger Ausstellung It’s Me. Sie werden so zu Zeug*innen staatlicher Restriktionen, als Wu und seine Kolleg*innen vor verschlossenen Türen stehen und die Ausstellung nicht eröffnen dürfen. Andere Arbeiten thematisieren das Suchen nach einer eigenen Stimme: Kan Xuan läuft Anfang der 1990er-Jahre als Studentin gegen den Strom durch eine Unterführung und ruft dabei immer wieder ihren eigenen Namen. Lin Yilin wiederum stellt das Verhältnis von Individuum und Masse auf die Probe, indem er Stein für Stein eine Mauer ab- und wieder aufbaut und sich so langsam über eine vielbefahrene Straße bewegt.

Durch zahlreiche weitere Arbeiten und Materialien bietet The China Moment sowohl Einblicke in die Entstehung einer Kunstszene als auch in Formen künstlerischer Selbstreflexion vor dem Hintergrund eines boomenden chinesischen Kunstmarkts. Zhou Tiehai inszeniert dies in einem schwarz-weißen 35mm-Stummfilm in neun Akten, in dem stereotype Szenen wie der Besuch eines westlichen Kurators im Atelier eines chinesischen Künstlers nachgestellt werden. Yan Lei und Hong Hao wiederum reagieren offensiv auf die fehlende Präsenz chinesischer Positionen in internationalen Ausstellungen, indem sie hundert Kolleg*innen eine gefälschte Einladung zur documenta IX zusandten.

Diese Dynamiken werden ergänzt durch Archivmaterial wie Briefe deutscher Kuratoren, die Anfang der 1990er-Jahre in China tätig waren, und zeugen vom gegenseitigen Beobachten und Interesse zwischen Deutschland und China in Zeiten des Umbruchs. Zugleich rief die starke Marktorientierung auch Momente der Rückbesinnung auf humanistische Ideale hervor. Zheng Guoguo verbringt mehrere Wochen mit einem Mann auf der Straße, den er als seinen „Lehrer“ bezeichnet; Wang Bing begleitet über ein Jahr hinweg kommentarlos einen „Mann ohne Namen“. Alternative Lebensentwürfe werden hier zu Formen stillen Protests. Daneben stehen poetische Gesten der Widerständigkeit wie Sui Jianguos Arbeit Kill, ein tausendfach mit rostigen Nägeln perforiertes Kautschukband.

Immer wieder tauchen dabei einzelne Akteur*innen in unterschiedlichen Kontexten auf. Eine zentrale Figur ist Xiao Lu, die 1989 an der historisch bedeutsamen Ausstellung China/Avant-Garde in Peking teilnahm – einem der frühesten Versuche, experimentelle zeitgenössische Kunst umfassend in einer nationalen Kunstinstitution zu präsentieren. Auch frühe internationale Begegnungen werden sichtbar, etwa in einer italienischsprachigen Videodokumentation von Monica Dematté, die junge Künstler*innen der Szene zeigt und hier erstmals mit deutschen und englischen Untertiteln präsentiert wird. Die Entwicklung vieler Positionen lässt sich von selbstorganisierten Räumen bis hin zu großen internationalen Biennalen nachvollziehen.

The China Moment ist in vier Kapitel strukturiert, die unterschiedliche Vorstellungen von Individualismus aus künstlerischer Perspektive widerspiegeln. Die Kapitel sind nicht als lineare Erzählung angelegt, sondern als offene Resonanzräume, in denen Werke, Archivmaterial und Dokumente miteinander in Dialog treten. Ausgangspunkt ist ein Begriff von Individualismus, der im westlichen Kontext häufig als selbstverständliches Erbe des Liberalismus erscheint, im chinesischen Zusammenhang jedoch eine andere Genealogie besitzt: Er tauchte zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals als intellektuelle Kategorie auf und gewann in den 1980er-Jahren im Zuge von Modernisierung und kultureller Aufklärung neue Relevanz.

In den Kapiteln wird untersucht, wie Künstler*innen diesen Begriff jeweils neu verhandeln: als Reaktion auf staatliche und gesellschaftliche Strukturen, als körperliche Erfahrung im öffentlichen Raum, als kollektives Experiment oder als Moment der Selbstreflexion im Spannungsfeld von Markt, Institution und Öffentlichkeit. Die Werke antworten dabei nicht illustrativ auf ein theoretisches Konzept, sondern entwickeln aus konkreten Situationen, Gesten und Praktiken heraus eigene Formen von Individualität. So wird Individualismus nicht als feststehende Kategorie präsentiert, sondern als etwas, das sich im künstlerischen Handeln immer wieder neu formiert.

Die Besucher*innen sind eingeladen, diese Entwicklungen eigenständig nachzuvollziehen. Umfangreiches Archivmaterial kann selbstständig erkundet werden: von Fotografien früher Ausstellungen der 1990er- und 2000er-Jahre bis hin zu literarischen Bezügen, etwa zu Lu Xun, auf den sich ein Kollektiv unabhängiger Theater mit einer Performance bezieht.

Begleitet wird die Ausstellung von einem Katalog mit neuen Texten von Mi You, Su Wei und Anna-Lisa Scherfose sowie mit historischen Essays von Autor*innen wie Wang Hui, Qin Hui oder Zhang Xudong, von denen einige erstmals in englischer Sprache erscheinen.

Kuratiert von Mi You, Su Wei und Anna-Lisa Scherfose markiert The China Moment den Auftakt einer langfristigen Forschungs- und Ausstellungspraxis des documenta Instituts, die globale künstlerische Ökologien, ihre Geschichten und Gegenwarten untersucht.


Begleitprogramm

Künstler*innengespräch
Samstag, 24.01.2026, 18 Uhr; Kasseler Kunstverein, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel
Su Wei und Anna-Lisa Scherfose sprechen mir Kunstschaffenden aus verschiedenen Generationen über ihre Erfahrungen und künstlerischen Lebenswege seit den 1980er-Jahren und die Frage, wie individuelle Positionen in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Transformation ausgehandelt wurden und werden können.

Buchvorstellung: Seeing through China
Freitag, 30.01.2026, 19 Uhr; Hofbuchhandlung Vietor, Ständeplatz 17, 34117 Kassel
Der Künstler und Kurator Andreas Schmid gibt Einblicke in seine Erfahrungen im deutsch-chinesischen Austausch seit den 1980er-Jahren und zeigt Bildmaterial aus mehreren Jahrzehnten seiner Tätigkeit in China.

Filmscreening: Ghosts, Icons, Clouds, Dreams
Samstag, 07.02.2026, 15 Uhr; BALi Kinos, Rainer-Dierichs-Platz 1, 34117 Kassel
Von historischen Geistern über digitale Technologien bis hin zu neuen Arbeitsformen – diese Werke junger Chinesischer Filmemacher*innen zeichnen ein Bild der komplexen Verflechtungen politischer, wirtschaftlicher und kultureller Geschichte des Landes. In Kooperation mit den BALi Kinos Kassel.

Filmscreening: “I truly believe everything is accidental” - Four artist portraits
Samstag, 07.03.2026, 15 Uhr; BALi Kinos, Rainer-Dierichs-Platz 1, 34117 Kassel
Vier Dokumentarfilme geben Einblick in unterschiedliche künstlerische Biografien und zeigen, wie individuelle Erfahrungen, Konflikte und Entscheidungen in jeweils eigene künstlerische Sprachen übersetzt werden. In Kooperation mit den BALi Kinos Kassel.


Führungen

Im Rahmen der Ausstellung finden regelmäßige öffentliche Führungen statt, die von der Kunstvermittlerin Franziska Weygandt geleitet werden. In rund 90 Minuten bietet sie Einblicke in die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe der gezeigten Arbeiten, stellt künstlerische Ansätze vor und schafft Raum für gemeinsame Gespräche.

Wir freuen uns sehr, dass Jiaqi Hou ergänzend Führungen auf Chinesisch/Mandarin anbieten wird. Termine werden zeitnah bekanntgegeben. Interessierte Gruppen können sich bereits jetzt melden, um individuelle Zeiten zu vereinbaren.

Öffentliche Führungstermine
Donnerstags, 18.30 Uhr
Samstags, 16 Uhr
Sonntags, 12 Uhr

Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Für Schulklassen, Studiengruppen und andere Gruppen sind außerdem private Führungen nach Terminabsprache möglich.

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