Call for Abstracts: Kunst – Ausstellung – Diskurs
03 / 2026
Kunst und theoretischer Diskurs auf der documenta und anderen Bühnen der Gegenwartskunst
Wir laden Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen, Künstler*innen, Gestalter*innen sowie Nachwuchswissenschaftler*innen zur Einreichung von Abstracts ein!
Rund ein Jahr vor der Eröffnung der documenta 16 (2027) stellt die Tagung die Frage nach der Relevanz, den Funktionen und Verwendungsweisen theoretischer Diskurse auf Ausstellungen für Gegenwartskunst. Naomi Beckwith, die Leiterin der kommenden documenta, kuratierte zuletzt im Palais de Tokyo in Paris die Ausstellung "ECHO DELAY REVERB", die dem weitreichenden Einfluss der sogenannten „French theory“ auf die US-amerikanische Kunst nachspürte. Diese sei nicht nur linear rezipiert, sondern im Zuge ihrer künstlerischen Übersetzung auch verändert und produktiv missverstanden worden.
Den „discursive turn“ vollzog die documenta bereits 30 Jahre zuvor, als die französische Kuratorin Catherine David die von ihr verantwortete documenta 10 (1997) als Buch in Form einer Ausstellung konzipierte, wodurch der theoretische Diskurs erstmals ins Zentrum der Weltkunstausstellung rückte. Mit der Vortragsreihe "100 Tage – 100 Gäste" und dem mehr als 800 Seiten starken Begleitbuch "Politics / Poetics", in dem ebenfalls zahlreiche Texte französischer Autor:innen enthalten waren, verwandelte sich diese Ausgabe der documenta in einen langen Sommer der Theorie.
Während David im theoretischen Diskurs und insbesondere in poststrukturalistischen und postkolonialen Ansätzen noch unverbrauchte Werkzeuge für ihre kuratorische Praxis fand, erkennt Beckwith dieselben Theorien bereits tief im zeitgenössischen (US-amerikanischen) Kunstbetrieb verankert. Das hat zur Folge, dass Theorien eine aktivistische Kunstpraxis heute oftmals nur noch unbewusst begleiten. Der explizite Rekurs auf Theorien besteht teilweise aus einer freizügigen Kombination unterschiedlicher Denkfiguren sowie der losen und zuweilen erratisch anmutenden Aufnahme von Schlagworten, die vor allem der Selbstlegitimation zu dienen scheinen.
Keine documenta kommt heute ohne theoretischen Diskurs aus. So stand beispielsweise Bruno Latour für die documenta 13 (2012) Pate, und die documenta 15 (2022) wäre ohne die dekolonialen Impulse von Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak oder Walter Mignolo kaum denkbar. Seit den 1990er Jahren wurden Ausstellungen zur Gegenwartskunst nicht nur Diskursplattformen, sondern selbst Teil des theoretischen Diskurses. Umgekehrt lässt sich seit den späten 1970er Jahren eine Ästhetisierung von Theorie beobachten, die sich beispielhaft in der vom Centre Pompidou publizierten Zeitschrift Traverses zeigte, in der theoretische Texte mit Fotografien und Archivalien zu einem Kunstobjekt kombiniert wurden. Der Theorieaffinität der Kunst entspricht gewissermaßen die Kunstaffinität der Theorie.
Tagung: Kunst – Ausstellung – Diskurs
Vom 25. bis 27. Juni 2026 möchte sich die Tagung "Kunst – Ausstellung – Diskurs" daher mit der wechselseitigen Verschränkung von Kunst und Theoriediskurs sowie den damit verbundenen Attraktionen, Anregungen und Aneignungen auseinandersetzen. Der Aspekt der Ausstellung fungiert hier als Drehscheibe, als Vermittlungsinstanz zwischen Kunst und Diskurs, zwischen Ästhetik und Theorie, zwischen Performance und Reflexion. Die Tagung widmet sich also dieser Verzahnung von Kunst und theoretischem Diskurs und nimmt insbesondere die documenta sowie andere zentrale Bühnen der Gegenwartskunst als Beispiele für das Spannungsverhältnis zwischen ästhetischen Formen und theoretischem Diskurs.
Veranstaltungsort: Kassel, Fridericianum
Tagungssprache: Deutsch, Englisch
Thematische Schwerpunkte
Theorie im Feld der Gegenwartskunst: Einflüsse, Funktionen und Aneignungen
Inwiefern prägen theoretische Ansätze die zeitgenössische Kunst? Auf welche Weise werden diese Theorien in unterschiedlichen regionalen und institutionellen Kontexten – wie beispielsweise der documenta – adaptiert, transformiert oder hinterfragt?
Ästhetisierung der Theorie
Inwiefern lässt sich eine Ästhetisierung theoretischer Diskurse beobachten, in deren Zuge Theorie nicht mehr ausschließlich in textbasierten, monographischen Formaten, sondern in visuellen, räumlichen oder ausstellungsnahen Medien vermittelt wird? Wie verändern sich Form, Rezeption und Autorisierung von Theorie, wenn sie mit Bildern, Archivalien oder gestalterischen Verfahren verbunden wird und eine kunstförmige Gestalt annimmt? Und wie verhält sich diese Transformation theoretischer Diskurse zur gleichzeitigen Theoretisierung der Kunst?
Die Produktion und Zirkulation von Diskursen auf und durch Ausstellungen von Kunst
In welchem Umfang kann Kunst selbst theoretischen Diskurs erzeugen, und welche ästhetischen, kuratorischen oder partizipativen Strategien nutzen Künstler*innen hierfür? Wie fungieren Ausstellungen der Gegenwartskunst als Diskursmagneten und Diskursverbreiter?
Das documenta Institut und die DGS-Sektion Kultursoziologie laden Forschende, Künstler*innen und Interessierte ein, kurze Abstracts einzureichen, die sich mit diesen und anderen Fragen des Verhältnisses von theoretischem Diskurs und Kunst, der Theoretisierung der Kunst und Diskursproduktion durch Kunst, der Ästhetisierung von Theorie und der Ausstellung als Vermittlungsinstanz beschäftigen. Die Tagung richtet sich an Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen, beispielsweise aus den Bereichen Soziologie, Philosophie, Kunst-, Kultur-, Geschichts-, Kommunikations- und Medienwissenschaft, sowie an Künstler*innen und Gestalter*innen. Mit diesem Call wenden wir uns auch an Nachwuchswissenschaftler*innen, beispielsweise Doktorand*innen. Übergreifende und theoriefokussierte Beiträge sind ebenso willkommen wie empirische Fallstudien. Die Vorträge sollen einen Zeitraum von 20 Minuten nicht überschreiten. Reise- und Übernachtungskosten können bezuschusst werden.
Organisation: documenta Institut (Prof. Dr. Heinz Bude, Michael Flörchinger, Marius Kemper), Sektion Kultursoziologie in der DGS (Prof. Dr. Lars Gertenbach)
Einsendeschluss für Abstracts (+ Kurz-CV): 15. März 2026
Umfang des Abstracts: max. 300 Wörter (exkl. Literaturverzeichnis)
Einreichung an: kemper@documenta-institut.de


