Daniel Spaulding: Joseph Beuys in 1977
Datum: 24. Juni 2026
Uhrzeit: 18.15 Uhr
Ort: Hörsaal, Kunsthochschule Kassel
Im Herbst 1977 nahm Joseph Beuys sowohl an der documenta 6 in Kassel als auch an der ersten Ausgabe der Skulptur Projekte Münster teil. Auf der documenta installierte er eine „Honigpumpe“ (mit dem Titel Honigpumpe am Arbeitsplatz), die Honig durch Kunststoffschläuche zirkulieren ließ, welche sich durch die Säle des Fridericianums zogen, jenes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das den Hauptschauplatz der Ausstellung bildet. Zudem organisierte er im Rahmen seiner Free International University (FIU) eine Reihe von Podiumsdiskussionen und Seminaren. Zu den Skulptur Projekten steuerte Beuys eine großformatige Skulptur mit dem Titel Unschlitt/Tallow bei, die aus sechs riesigen Blöcken einer wachsartigen Substanz bestand und im Atrium des Westfälischen Landesmuseums (heute LWL-Museum für Kunst und Kultur) aufgestellt war. Diese beiden Werke zählten zu den größten und konzeptuell komplexesten, die der Künstler bis zu diesem Zeitpunkt zu realisieren versucht hatte, und markierten einen nachdrücklichen Übergang in die Öffentlichkeit, und zwar genau im Moment einer erheblichen Krise in der politischen Geschichte der Bundesrepublik. Der Vortrag widmet sich den vielschichtigen Metaphern biologischer, ökonomischer und sozialer Systeme, die diesen beiden Werken eingeschrieben sind, mit besonderem Augenmerk auf das Motiv der Zirkulation in Honigpumpe. Über eine bloße Wiederholung der ikonografischen Bedeutungen hinaus, die Beuys selbst für diese Kunstwerke nahegelegt hat, wird Daniel Spaulding versuchen, die Metaphernstruktur von Beuys sowohl als Symptom der Widersprüche dieses historischen Moments als auch als Vorschlag zu dessen Transformation zu analysieren.
Daniel Spaulding ist Assistant Professor für moderne und zeitgenössische Kunst an der University of Wisconsin–Madison. Er ist Mitbegründer und Herausgeber der kunsthistorischen Zeitschrift Selva.
Vortrag in deutscher Sprache.
